Michael Haupt (Fundraising, Erste Bank, über Projekt vernetzte Welten), Margarita Hatziioannu (Mentoring-Teamleitung und Vorstand), Oliver Wenninger (Geschäfstführer und Vorstand), Nicola Wieland (Mentoring-Beraterin). © Big Brothers Big Sisters

Zu zweit ist man weniger allein

Der gemeinnützige Verein „Big Brothers Big Sisters“ vermittelt Kindern die wohl kostbarsten Werte unserer Gesellschaft: Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit.

Ein Hinterhof an der Praterstraße. Das helle Büro im Erdgeschoß des Jahrhundertwendehauses empfängt seine Besucherinnen und Besucher auf den ersten Blick eher nüchtern. Doch der erste Eindruck trügt gewaltig. Oliver Wenninger, Geschäftsführer des Vereins „Big Brothers Big Sisters“, wartet in der Türe. Seine herzliche und ruhige Art vermittelt sofort ein Gefühl des Willkommenseins.

Wenninger ist Psychologe. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Margarita Hatziioannu und Nicola Wieland koordiniert er den 2012 in Österreich angekommenen Betrieb. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da“, konstatiert er gleich vorab. Die Idee zu „Big Brothers Big Sisters“ stammt ursprünglich aus den USA. Dort, wie auch in unzähligen weiteren Staaten wie etwa Deutschland oder den Niederlanden, ist das Programm bereits seit Jahren etabliert. Unter dem Motto „Miteinander lachen - voneinander lernen“ profitieren nun auch Kinder und Erwachsene in Österreich vom 1:1-Mentoringprogramm.

Das höchste Gut

Die breite gefächerte Zielgruppe sind „Kinder und Jugendliche in herausfordernden Lebenssituationen“. Was den Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien, Ein-Eltern-Familien oder sozial schwachen Familien dabei gewidmet wird, ist vor allem eines: Zeit. Zeit zu zweit, mit einer Freundin oder einem Freund.

Ein festes Programm gibt es nicht. Gegenseitiges Zuhören, aufeinander eingehen und auch mal etwas Neues entdecken. Das kann ein gemeinsamer Tiergartenbesuch, ein Kick im Park oder ein Spieleabend sein. Genauso gut aber auch ein langes Gespräch über Ängste und Sorgen oder Hilfe bei den Hausübungen. Mindestens acht bis zwölf gemeinsame Stunden verbringen die Tandems im Monat gemeinsam. Was wie ein kleiner Beitrag wirkt, zeigt fast immer große Wirkung.

Das Erfolgsrezept? „Die Kinder und Jugendlichen merken, dass hier jemand freiwillig und gerne Zeit mit ihnen verbringt. Das ist wahrscheinlich der größte Bonus. Darüber hinaus versuchen wir bereits bei der Auswahl der Tandems sehr genau darauf zu achten, ob beide Teile ähnliche Interessen haben. Außerdem spielen auch Faktoren wie zeitliche Verfügbarkeit und räumliche Nähe eine Rolle“, erklärt Wenninger einen Teil der Strategie. Einmal im Monat persönliche Gespräche der Familie und den Mentorinnen oder Mentoren mit dem Big-Brothers-Big-Sisters-Team sind ebenfalls Teils des Deals. So wird das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und den Eltern vermittelt, dass sie nicht plötzlich „außen vor“ bleiben.

Bitte warten

Knapp 500 Kinder und Jugendliche könnte Wenninger aktuell mit einer Mentorin oder einem Mentor zusammenbringen: „Wir schicken niemanden weg, müssen aktuell allerdings leider darauf hinweisen, dass es zu Wartezeiten kommen kann.“ Vor allem Burschen müssen sich aktuell ein wenig gedulden. Denn männliche Mentoren laufen dem Team von Oliver Wenninger nicht gerade die Türe ein. „ Manche Bewerberinnen und Bewerber fallen schon bei unserem mehrstufigen Auswahlverfahren durch.Wir wollen hohe Qualitätsstandards garantieren und manchmal reichen Grundvoraussetzungen wie eine stabile Lebenssituation oder der Spaß an der Arbeit mit Kindern einfach nicht aus. Unser Aufnahmeverfahren geht sehr ins Persönliche. Drei Referenzpersonen aus Arbeit, Freundeskreis und Familie sind ebenso Teil der Ausbildung wie Seminare und Workshops. Und da sich aktuell eben einfach mehr Frauen als Männer bei uns melden, müssen wir Burschen einfach öfter vertrösten“, so Wenninger sichtlich ein wenig wehmütig. Trotz dieser und anderer Herausforderungen betreut das kleine Team 50 Tandems.

21 Kinder werden davon im Zuge einer Partnerschaft mit der Stadt Wien begleitet. „Eine Erfolgspartnerschaft“, wie Wenninger nicht ohne Stolz erklärt. Auf der Suche nach einer „alternativen“ Betreuungsmethode sei die Stadt an ihn herangetreten. Ursprünglich waren 20 Kinder für eine Mentorin oder einen Mentor geplant, ein zusätzlicher Platz habe sich dann aber auch noch gefunden. Da sich die sich das erste Kooperationsjahr bewährt hat, werden 20 weitere Kinder im Zuge dieser Partnerschaft auch 2015 vom Big Brothers Big Sisters-Team betreut.

Aussichten

Auf der Suche befindet sich der gemeinnützige Verein aber nicht nur nach Mentorinnen und Mentoren sowie freiwilligen Helferinnen und Helfern, auch das Finanzielle will geregelt sein. „Aktuell ist das Budget für 2016 noch nicht gesichert“, sieht sich Wenninger mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert.

Ein vergleichbares Alternativ-Projekt sucht man in Wien vergebens: „Kinder, Eltern, Mentorinnen und Mentoren, auch Expertinnen und Experten bestätigen den Erfolg unserer Arbeit. Auch die hohe Nachfrage bestärkt uns in unserem Tun. Wir wollen weitermachen. Es geht hier um Beziehung. Jedes Kind verdient eine echte Chance auf persönliche Entwicklung!“

Mitmachen

„Big Brothers Big Sisters“ hat Ihr Interesse geweckt? Wir haben für Sie nochmal alle Optionen gesammelt: