Die Vogelkundlerin Clara Leutgeb betrachtet den Nistkasten. Sie absolvierte die Studiengänge Zoologie sowie Verhaltens-, Neuro- und Kogni­tionsbiologie. 2016 erhielt sie den Wissenschaftlichen Förderpreis der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22). © Bohmann/Lukas Beck

Das Ende dunkler Nächte

In weiten Teilen der Erde wird es nachts nicht mehr richtig dunkel. Diese Lichtverschmutzung beeinflusst zahlreiche Tierarten.

In klaren Sommernächten ist der Sternenhimmel ein traumhaftes Naturschau­spiel. Allerdings nicht überall. In Ortsgebieten wird der Blick aufs Firmament getrübt, Sterne und Sternbilder sind kaum noch zu erkennen. Schuld daran sind Straßenbeleuchtungen und andere künstliche Lichtquellen, die es in Städten nicht mehr richtig dunkel werden lassen. Lichtverschmutzung oder Lichtsmog, wie dieses Problem in Fachkreisen genannt wird, nimmt weltweit zu und beeinflusst nicht nur das Leben von Menschen, sondern auch jenes von Tieren. Seit geraumer Zeit erforschen Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Effekte von Lichtsmog auf die Tierwelt.

Tod durch Wolkenkratzer

Auswirkungen auf Meeresschildkröten, Vögel und Insekten sind mittlerweile nachgewiesen und statistisch belegt. So laufen beispielsweise frisch geschlüpfte Schildkröten nicht Richtung Meer, sondern ins Landesinnere zur nächstgelegenen Straßenlaterne. Auch Vögel sind Opfer der Lichtverschmutzung. Zugvögel, die sich unter anderem an den Sternen orientieren, werden vom Lichtkegel der Städte regelrecht angezogen. Einmal dort angekommen verlieren sie entweder komplett die Orientierung oder lassen ihr Leben, indem sie mit einem stark beleuchteten Gebäude kollidieren − das sogenannte Tower-Kill-Phänomen.

Mehrjährige Forschungsarbeit

Die Ornithologin Clara Leutgeb und ihr Forschungsteam untersuchten im Wiener­wald, inwiefern die Fortpflanzung von Blaumeisen durch Licht beeinflusst wird. „Ich war überrascht, wie ambi­valent Lichtverschmutzung ist. Es gibt immer Gewinner und Verlierer.“ Die unmittelbare Wirkung von Licht auf Vögel, wie beim Tower-Kill-Phänomen, sei laut Leutgeb sehr gut dokumentiert. Bei der mehrjährigen Forschungsarbeit mit Blaumeisen sei jedoch versucht worden, subtilere Einflüsse nachzuweisen.

Generalisten passen sich an

Die Studie habe ergeben, dass die Blaumeise mit menschgemachten Störfaktoren relativ gut umgehen könne. „Die ­äußerst anpassungsfähige Blaumeise könnte Lichtquellen wie eine Straßen­laterne zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen, indem sie vom Licht angelockte Insekten dort abliest und den Nachkommen zufüttert“, sagt Leutgeb. Damit könnten negative Folgen des Lichts von der Blaumeise zumindest ausgeglichen werden. Das liege unter anderem daran, dass es sich bei dieser Art um einen sogenannten Generalisten handle. Während diese mit Einflüssen von Menschen ziemlich gut zurecht­kämen, sei menschliche Einwirkung für Spezialisten oft existenzbedrohend. „Ob die Insekten das auch gut finden, hat sie aber niemand gefragt“, fügt Leutgeb schmunzelnd hinzu.

Beobachtung im Wienerwald

Das rund zwei Jahre andauernde Experiment umfasste zwei unterschiedliche Brutstellen: Nistkästen im Wienerwald, die künstlich mittels LED-Lampen beleuchtet wurden, sowie eine Kontrollgruppe ohne jegliche Beleuchtung. ­Leutgeb und ihr Forschungsteam beobachteten den Bruterfolg der Blaumeisen, den sogenannten reproduktiven Output, und die körperliche Entwicklung der ersten Nachfolgegeneration. „Je nach Ausgangssituation ließen sich keine oder nur schwach negative Effekte zeigen“, resümiert sie die Ergebnisse. Der Legebeginn wies, ebenso wie die Anzahl der Eier und Nestlinge, auf keinen statistisch relevanten Unterschied hin. Einzig bei der körperlichen Entwicklung zeigte sich bei der von Licht bestrahlten Gruppe eine geringe, aber statistisch signifikante Beeinträchtigung der Körpergröße.

Zurück zu den Wurzeln

Obwohl die Blaumeise vom Lichtsmog weniger betroffen scheint, spricht sich die Ornithologin für eine deutliche Reduzierung der nächtlichen Beleuchtung aus. „Meine Einstellung ist ,back to the roots‘. So wenig Licht wie möglich, gerade so viel wie zur Sicherheit nötig.“ Die Stadt Wien sei diesbezüglich auf einem vorbildlichen Weg. „In Wien werden vermehrt Straßenbeleuchtungen eingesetzt, die das Licht nach unten bündeln und so Streulicht vermeiden.“

Video: Weniger Licht der Umwelt zuliebe

Lichtbelastung reduzieren

Auch die seit 2007 in Kraft getretene Wiener Halbnachtschaltung sei eine positive Entwicklung in Bezug auf Licht­verschmutzung. Besonders in ländlichen Regionen könne man die Lichtbelastung noch deutlich verringern. „Wen interessiert schon mitten in der Nacht ein beleuchtetes Werbeplakat, das das Leben zahlreicher dort ansässiger Tiere nachhaltig negativ beeinflusst?“

Die Vogelkundlerin

Clara Leutgeb wurde 1988 in Kirchdorf, Oberösterreich, geboren. Sie absolvierte die Master-Studiengänge Zoologie sowie Verhaltens-, Neuro- und Kogni­tionsbiologie an der Universität Wien. Für ihre Zoologie-Master-Arbeit „Does light pollution affect wild birds? An experiment on blue tits (Cyanistes caeruleus) in the Viennese Forest“ über die Auswirkung von Lichtverschmutzung auf Blaumeisen im Wienerwald erhielt sie 2016 den Wissenschaftlichen Förderpreis der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22).