Martin Heindl und seine Kolleginnen und Kollegen beim Stadtservice Wien kümmern sich um die kleinen und großen Anliegen der Wiener und Wienerinnen in ihren Grätzeln. © PID/Christian Jobst

Ein Tag mit dem Stadtservice: "Wir sind die Problemlöser"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Wien. inwien.at war mit Martin Heindl vom Stadtservice Wien unterwegs. Seine Kolleginnen und Kollegen und er kümmern sich um die großen und kleinen Anliegen im Grätzel.

Der blaue Citroen C4 hat schon bessere Zeiten gesehen. Bei zwei Reifen ist die Luft raus, an der Karosserie nagt der Rost und im Innenraum fehlt die Rückbank. In einen der Scheinwerfer ist Wasser eingetreten, das Glas ist beschlagen und stumpf. Wie lange das Auto mit griechischem Kennzeichen schon in der Seitengasse in Favoriten steht, ist schwer zu sagen. "Anrainer haben uns den Wagen als Autowrack gemeldet", sagt Martin Heindl. ​Martin ist einer von 42 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom Stadtservice Wien. Sein Job ist es, kleine und große Probleme, Ärgernisse und Missstände in der Stadt zu beseitigen. Einer seiner "Fälle" heute ist das vermeintliche Autowrack, das einen Parkplatz blockiert und vor sich her rostet.

Das Stadtservice Wien wurde mit dem Jahreswechsel gegründet und ging aus dem Bürgerdienst hervor. Neu organisiert arbeitet das Stadtservice als Problemlöser-Truppe für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Seit Jahresbeginn sind mehr als 5.000 Anliegen an das Stadtservice Wien herangetragen worden. Seit Februar können Wienerinnen und Wiener über die "Sag’s Wien"-App direkt mit dem Smartphone Anliegen und Probleme, von Baustellenlärm, abgelagertem Sperrmüll, Schäden auf Gehwegen und der Fahrbahn, verschmutze oder beschädigte Straßenschilder, ausgefallene Beleuchtung bis hin zu überwuchernden Sträuchern melden. Mit der Smartphone-App können auch gleich Fotos und ein erklärender Text verschickt werden. Außerdem gibt es seit jeher die Servicenummer 50 255-01 bis -23 für den jeweiligen Bezirk in Verbindung zu treten.

Anrainer haben dieses Schrott-Auto gemeldet. Gemeinsam mit der Polizei wird Martin den Halter herausfinden. Ist das Auto gestohlen oder wurde als Wrack abgestellt, kann es abgeschleppt werden. © PID/Christian Jobst

Martin fotografiert das Auto mit seinem Tablet und notiert das Kennzeichen. Fotos und Daten bekommt die Polizei. "Die kann herausfinden, wer der Halter des Wagens ist und ob es als gestohlen gemeldet ist. Wenn klar ist, dass das Auto hier 'entsorgt' wurde, kann die MA48 den Wagen abschleppen. Weil es nicht im Parkverbot steht, sind uns bis dahin die Hände gebunden", sagt Martin. Diese Info bekommt auch die Person, die das Auto gemeldet hat.

"Wir sind nicht nur Problemlöser, sondern auch Blitzableiter. Wenn Bürgerinnen und Bürger etwas melden, dann wünschen sie sich, dass ihr Anliegen gleich und rasch erledigt wird." - "Wenn etwas länger dauert, weil es einfach organisatorisch, technisch nicht unmittelbar möglich ist, versuchen wir, das den Bürgerinnen und Bürgern auch transparent zu erklären." Die häufigste Frage, die Martin klären muss, ist, "wer ist überhaupt zuständig?" Liegt das Bürger-Ärgernis auf öffentlichem Grund oder ist eine Privatperson zuständig? Welche Abteilung kann das Problem am besten lösen? Nicht selten sind Kreativität und Eigeninitiative gefragt. Dafür wurde Martin sogar mit dem "Helfer Wiens"-Preis ausgezeichnet. Den hat er für seinen Vorschlag bekommen, die Autos des Stadtservice mit lebensrettenden Defis auszustatten.

Martin bereitet sich in seinem Büro auf seinen Tag vor. Am Schreibtisch steht sein "Helfer Wien"-Preis. Den hat er für die Idee bekommen, die Autos des Stadtservice mit Defis auszustatten. © PID/Christian Jobst

Die Zentrale des Stadtservice ist gleich beim Rathaus. Hier hat Martin einen Schreibtisch, seinen Job macht er aber hauptsächlich unterwegs in der Stadt. Martins Arbeitstag beginnt um 7 Uhr. Im Computersystem laufen alle Meldungen zusammen. In Martins digitalem Postfach landen jene offenen Meldungen, die seine Bezirke betreffen. Nachdem er sich einen Überblick verschafft hat, geht es zur Tiefgarage unter dem Rathaus und raus vor Ort, um die kleinen und großen Probleme der Wienerinnen und Wiener zu lösen - eins nach dem anderen.

Martin in seinem Dienstwagen des Stadtservice Wien. Mit dem Ford legt er pro Tag mehr als 80 Kilometer zurück. © PID/Christiab Jobst

"Meine wichtigsten Arbeitsgeräte sind das Tablet, das Handy und der Dienstwagen", erklärt Martin. Bis zu 80 Kilometer am Tag legt er im Auto zurück, im Jahr kommen gut 20.000 Kilometer zusammen. "Ich bin für die Bezirke im Süden der Stadt zuständig. Die Kollegen, die über der Donau arbeiten, bringen sogar noch mehr Kilometer auf den Tacho. Da ist alles noch viel weitläufiger."

Nach dem Autowrack steht eine Lebensbestätigung auf der "To-Do"-Liste des Stadtservice-Mitarbeiters. "Ich mache jetzt quasi einen Hausbesuch im Auftrag des Magistrats. Auch das gehört zu unseren Aufgaben", sagt Martin. Eine Dame bekommt eine Pension aus dem Ausland. "Die auszahlende Stelle verlangt eine Bestätigung, dass die Empfängerin noch lebt." Die muss sie persönlich abgeben. "Weil die Dame aber schlecht zu Fuß ist und nicht aufs Amt kann, komme ich jetzt zu ihr." Der Besuch im Wohnzimmer ist nur kurz. Nach einem Blick auf den Pass der Dame und der Unterschrift geht es auch wieder zurück hinters Steuer seines Dienstwagens.

Martin überprüft den Pass einer Pensionistin. Ihre Pensionskasse verlangt von der Frau, die schlecht zu Fuß ist, eine „Lebensbestätigung“. Statt am Amt, erledigt Martin die Formalität im Wohnzimmer der Dame. Weiter auf der To-Do-Liste des Stadtservice-Mitarbeiters: Eine Baustellen-Kontrolle. © PID/Christian Jobst

Das Ranking der Anliegen an das Stadtservice führen Verschmutzungen und Beschwerden rund um Baustellen an. "Bei Abrissarbeiten ist Staub oft ein Thema. Häufig geht es auch um Lärm oder verstellte Zufahrten oder Parkplätze", erzählt Martin aus seiner Erfahrung. "Mein Job ist es dann, zwischen den zwei Seiten zu vermitteln." Wenn es Probleme mit einer Baustelle gibt, sucht Martin zuerst den Polier. "Vieles lässt sich unbürokratisch im Gespräch regeln." Eine gute Lösung zu finden, hängt auch von seinem Gegenüber ab, sagt Martin. "Wie man in den Wald hineinruf, ruft es zurück." Wie groß eine Baustelle ist und wo Schutt-Container stehen dürfen, Baumaterial oder Zufahrten für Baustellen-Fahrzeuge liegen, steht im Bescheid der MA46, die zuständig ist für das Einhalten des rechtlichen Rahmens. Die Bescheide kann Martin auf seinem Tablet vor Ort abrufen und direkt überprüfen, ob sie auch eingehalten werden.

Öffi-Nutzer haben eine eingeschlagene Scheibe bei einem Schaustück vor der U-Bahn-Station Gasometer gemeldet. Glassplitter und scharfe Kanten machen den Schaden gefährlich für PassantInnen. Martin zögert nicht und ruft die Berufsfeuerwehr. © PID/Christian Jobst

Zurück im Auto klingelt das Handy. Per App hat ein Nutzer eine Beschädigung an einem Schaustück vor der U-Bahn-Station Gasometer gemeldet. Angehängt an die Meldung sind Fotos des mehrere Meter hohen Gasventils. Durch zwei Glasscheiben kann man ins Innenleben des Ventils schauen. Beide Scheiben sind geborsten, Glassplitter liegen am Boden. Vor Ort nimmt Martin den Schaden auf. Das Schaustück gehört den Wiener Netzen, steht aber auf einem Grundstück der Wiener Linien. "Normalerweise würde ich mich jetzt mit einem der zwei in Verbindung setzten und die Reparatur in die Wege leiten. Glassplitter und scharfe Kanten machen das gefährlich für Passantinnen und Passanten. Hier muss schnell etwas passieren, damit sich niemand verletzt", entscheidet er. Am raschesten kann die Berufsfeuerwehr Wien die Scheibe sichern.

Nach dem Anruf von Martin geht alles rasch: Die Feuerwehr sichert die geborstene Scheibe. © PID/Christian Jobst

Mit der Berufsfeuerwehr arbeitet Martin normalerweise zusammen, wenn in der Stadt irgendwo was Gröberes passiert ist: "Wenn ein Wohnhaus komplett ausbrennt oder durch einen Unfall fast einstürzt, sind wir unterstützend für das Büro für Sofortmaßnahmen vor Ort." Während die Feuerwehr ihren Job macht, baut das Stadtservice mit ihrem Bus ein mobiles Büro für die Kolleginnen und Kollegen vom Büro für Sofortmaßnahmen auf. Von hier aus kann die Abteilung Notunterkünfte für die betroffenen Familien organisieren und weitere Schritte koordinieren.

Mit der Feuerwehr arbeitet das Stadtservice normalerweise zusammen, wenn in der Stadt etwas Gröberes passiert ist. Diesmal hatte die Feuerwehr nur eine Scheibe zu sichern. © PID/Christian Jobst

Aber nicht nur bei Beschwerden hilft das Stadtservice weiter, auch durch Information können die Stadtservice-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhelfen. "Bei einer Informationsveranstaltung hat sich eine Familie über einen blauen Parkschein für einen Behindertenparkplatz für ein Familienmitglied erkundigt. Ich konnte sie an die zuständige MA 28 (Straßenbau) vermitteln. Die hat dann bei ihrem Wohnhaus einen Behindertenparkplatz errichtet - und sogar eine Rampe vor dem Hauseingang gebaut. Dass beides möglich ist und von der Stadt angeboten wird, wusste die Familie bis dahin nicht."