Unterwegs im Nordbahnviertel. Für Corona Davit-Gsteu und die Gebietsbetreuung Stadterneuerung 2/20 ist dieses Grätzel momentan einer der Hauptschauplätze. © PID/Christian Fürthner

Ein Tag unter GebietsbetreuerInnen: "Unsere Grätzel werden immer schöner"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen und Serviceeinrichtungen der Stadt Wien. inwien.at begleitet Gebietsbetreuerin Corona Davit-Gsteu einen Tag lang bei der Arbeit. Gemeinsam mit den BewohnerInnen arbeitet sie an lebenswerten Bezirken.

Mit dem Fahrrad kurvt Corona Davit-Gsteu durch die Stuwerstraße. Im zweiten Bezirk ist sie bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Jeden Tag radelt sie zur Gebietsbetreuung Stadterneuerung (GB*) am Max-Winter-Platz. Das siebenköpfige Team der GB*2/20, die hier ihr Lokal hat, kümmert sich um Stadtteile in den Bezirken Leopoldstadt und Brigittenau. Dass Corona mit dem Rad fährt, hat mehrere Gründe. Neben Umweltfreundlichkeit und Gesundheit spart es auch Zeit. Für alle, die sie unterwegs sieht, hat sie ein freundliches "Hallo" übrig. Die Zeit für ausführliche Gespräche hat sie auf dem Weg ins Büro nur bedingt. In solchen Gesprächen verschmilzt Privates mit Beruflichem. Da geht es um Neuigkeiten im Bezirk, Lokaleröffnungen, was man für das nächste Grätzelfest mitbringen kann und ob man nicht einen Lesekreis installieren könnte. Manchmal ist es auch nur ein Plausch unter Nachbarinnen und Nachbarn. Corona liebt diese Gespräche, pünktlich ins Büro muss sie aber doch. Und für Zwischenmenschliches ist später genug Zeit.

Hand in Hand mit den WienerInnen

Die Gebietsbetreuung Stadterneuerung ist Teil des Wohnbau- und Stadterneuerungsprogramms in Wien. Auftraggeberin ist die MA 25 - Stadterneuerung und Prüfstelle für Wohnhäuser. Wienweit gibt es acht Standorte, die sich jeweils einem oder mehreren Bezirken widmen. "Das Programm gibt es schon seit den 1970ern. Unsere Aufgabe ist die Wohn- und Lebensqualität in Grätzeln zu steigern, und zwar unter Einbindung der Bevölkerung", sagt Corona.

Corona bespricht mir ihrer Kollegin Thekla Zechner einen neuen Flyer. © PID/Christian Fürthner

Das Angebot ist umfangreich. Neben Beratungen in Sachen Mieterinnen- und Mieterschutz gibt man Hauseigentümerinnen und -eigentümern auch Rat für Blocksanierungen. Neben Beratungsgesprächen gibt es Infopakete zu geförderten Sanierungen und Aufklärung über Voraussetzungen der sanften Stadterneuerung. Das Wohlbefinden der Mieterinnen und Mieter ist dabei ein Hauptaugenmerk. Weitere Themen sind unter anderem Barrierefreiheit, sichere Schulwege und Unterstützung bei kulturellen Projekten und der Planung von Grünflächen. Auch Menschen, die im Grätzel Geschäfte oder Lokale gründen wollen, berät die Gebietsbetreuung Stadterneuerung, indem sie mögliche Standorte aufzeigt und Kontakte zu den zuständigen Abteilungen herstellt.

Unterwegs mit der Gebietsbetreuung

Die Gebietsbetreuung Stadterneuerung ist für alle da

Im Büro angekommen steht für Corona das erste Projekt an. Eine junge Dame hat sie kontaktiert. Sie möchte ein Videotanzprojekt starten. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Andrea Mann diskutiert Corona sämtliche Möglichkeiten. Andrea leitet das Team am Max-Winter-Platz. Alle sind hier fest angestellt, so auch Corona. Das Tanzprojekt, das orientalische Tänze zeigen soll, unterstützt sie gerne. "Beratung ist einer der Hauptaspekte des Jobs. Die Menschen kommen mit einer Idee zu uns. Das kann eine Hofbegrünung, eine Krimilesung oder ein Nachbarschaftsfest sein und wir helfen bei der Umsetzung", sagt Corona. Da sie viele im Bezirk kennt, gelingt es ihr oft, Menschen für Projekte zusammenzubringen. Für die junge Dame hat sie schon eine Location im Kopf und schickt ihr den Kontakt per E-Mail. Auf ihrem Computer führt sie mehrere Listen, zum Beispiel eine mit verfügbaren Landschaftsgärtnerinnen und -gärtnern. "So weiß ich immer, wen ich bei Bedarf kontaktieren oder vermitteln kann."

Als ehemalige Architekturstudentin und leidenschaftliche Zeichnerin fertig Corona gerne Skizzen von Projekten an. Hier sieht man den Max-Winter-Platz anno 2001. © PID/Christian Fürthner

Mit dem Malstift Projekte lebendig machen

Wie wichtig Beratung sein kann, weiß sie aus eigener Erfahrung. "Ich bin 1992 in den Bezirk gezogen und fand eine Wohnung, deren Zustand desolat war. Es gab keine Böden, keine Türen, kein Klo, nichts", erinnert sie sich. Die Beratung der Gebietsbetreuung Stadterneuerung war ihr in den folgenden Jahren eine große Hilfe. Bis heute ist sie überzeugte Leopoldstädterin. 1994 stieß die ehemalige Architekturstudentin dann selbst dazu. "Es wurde zufällig eine Stelle frei und ich sagte gleich zu." Die Landschaftsplanung war eine ihrer Leidenschaften und sie brachte sich im Büro mit selbst gezeichneten Skizzen ein. Die macht heute meistens der Computer, künstlerisch bringt Corona sich aber immer noch ein. Ihre Tuschezeichnungen sind der Hingucker im Büro. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Menschen im Grätzel Projekte wie Sanierungen in Wohnanlagen besser vorstellen können, wenn sie mir beim Zeichnen über die Schulter schauen", sagt Corona.

Ihr Dienstfahrzeug ist das Fahrrad. Im Hintergrund sieht man das orange Grätzelzentrum am Max-Winter-Platz. © PID/Christian Fürthner

Gemeinschaftsprojekte sind das A und O

Beratung ist ein Aspekt des Jobs. Aktivierung der zweite. Das heißt so viel wie raus zu den Menschen, um entweder Meinungen zu Projekten einzuholen oder über Probleme, Visionen und Sonstiges zu sprechen. "Heute haben wir einen Infopoint im Nordbahnviertel auf dem Programm", sagt Corona. Den Weg dorthin legt sie standesgemäß mit dem Fahrrad zurück. Unterwegs ist noch Zeit für einen Stopp bei der Bücherbox. Dort können Menschen Bücher ausborgen oder selbst reinlegen. Corona hat ein paar mit dabei, die sie in den Lesekreislauf bringt. Zu entdecken gibt es in der Box so manches. Neben einer Karl-Marx-Biografie liegt ein Science-Fiction-Wälzer: Er handelt von Mutanten auf dem Mars.

"Wie wäre es mit dem Billard-Buch?" Für einen Buchtipp ist Corona immer zu haben. © PID/Christian Fürthner

Auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs entsteht ein neuer Stadtteil. Einige Wohnhäuser stehen schon, mehr werden ab 2018 gebaut. Bis 2025 sollen hier 20.000 Wienerinnen und Wiener wohnen. Die Gebietsbetreuung Stadterneuerung war von Anfang an involviert.

Im Infopoint angekommen, betritt Corona den hellen, großen Gemeinschaftsraum. Eine kleine Kaffeeküche und eine Spielecke findet man dort ebenso wie einen Wuzzler. Der Infopoint in der Ernst-Melchior-Gasse hat jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Auf Kundschaft muss Corona nicht lange warten. Thomas und Verena sind ein junges Paar aus dem Viertel. Sie haben dort einen lang gehegten Traum realisiert: den Nachbarschaftsgarten. Beim Projekt war Corona von Anfang an dabei. Sie sprach mit der Hausverwaltung, half bei der Planung und legte auch bei der Umsetzung Hand an. Heute steht eine Kontrolle an.

Thomas und Verena haben mithilfe der Gebietsbetreuung Stadterneuerung einen Nachbarschaftsgarten organisiert. Hier plauschen sie mit Corona im Infopoint. © PID/Christian Fürthner

Einsatz im Nachbarschaftsgarten

"Wir sind ein bisschen besorgt, dass sich im Garten noch nichts tut", melden Thomas und Verena. Ferndiagnosen gibt es bei Corona keine. Ihr Motto lautet: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum Garten. Der liegt nur wenige Hundert Meter entfernt neben dem Rudolf-Bednar-Park. Im Innenhof eines Wohnhauses wurden ein paar Beete eingerichtet. Auch einen Komposthaufen und einen Tisch mit Bänken findet man vor. "Hier wird es ja richtig gemütlich", freut sich Corona.

Direkt neben der Krakauer Straße findet sich dieser Nachbarschaftsgarten. Beim Salat ist alles im grünen Bereich. © PID/Christian Fürthner

Im Gemüsebeet ist nicht viel los. Ein paar kleine Salatblätter wagen es bereits, die Köpfchen aus der Erde zu strecken. Der Rest lässt sich Zeit. Corona krempelt die Ärmel hoch und geht gleich zur Inspektion über. "Der Salat sieht schon sehr gut aus, die Erde macht auch einen guten Eindruck", sagt sie. "Ihr müsst euch keine Gedanken machen, alles läuft bestens. Die Pflanzen brauchen einfach Zeit, es ist noch zu früh." In ihrem Notizbuch macht sie noch einen entsprechenden Eintrag. Alle Einträge sind farblich markiert. Grün, Blau, Orange, Rot: Corona hat ihr eigenes "Ampelsystem" und weiß so immer, welches Projekt welchen Status hat.

Ein Gespräch unter NachbarInnen. Zum Abschluss des Arbeitstages gönnt sich Corona einen Plausch im Rudolf-Bednar-Park. © PID/Christian Fürthner

Ein offenes Ohr für alle

Corona verabschiedet sich von Thomas und Verena und spaziert zum Rudolf-Bednar-Park. Ihr Arbeitstag ist zu Ende. Jetzt hat sie alle Zeit der Welt, um mit den Menschen im Nordbahnviertel zu plaudern. Schon nach wenigen Schritten trifft sie ihren Grätzelnachbarn Robert. "Wie geht's, was gibt es Neues?", will Corona wissen. Gemeinsam flanieren sie zur nächsten Parkbank, um Neuigkeiten auszutauschen. Die Leute in der Leopoldstadt sind für Corona mehr als Kundinnen und Kunden, es sind in erster Linie ihre Nachbarinnen und Nachbarn.