Lukas Kenner erforscht den Zusammenhang zwischen Brustimplantaten und Krebs. ©Michael Bernkopf/Vetmeduni Vienna

Führen Brustimplantate zu Krebs?

In unserer Life-Sciences-Serie haben wir mit Lukas Kenner über seine Forschung gesprochen. Er ist Univ. Prof. an der Medizinischen Universität Wien und der Veterinärmedizinischen Universität sowie Facharzt für Pathologie.

Fünf Prozent aller Tumorerkrankungen betreffen die Lymphdrüse. In Österreich erkranken jährlich über 1.200 Patientinnen und Patienten daran, Tendenz stark steigend. Eine internationale Studiengruppe hat unter Beteiligung des Wiener Wissenschafter Lukas Kenner nun den Zusammenhang zwischen Brustimplantaten und der Entstehung des seltenen, aber bösartigen Lymphdrüsenkrebses ALCL, Anaplastic Large Cell Lymphoma, untersucht.

Lukas Kenner ist Universitätsprofessor an der MedUni Wien und der Vetmeduni Wien sowie Facharzt für Pathologie. Seit 2012 ist er stellvertretender Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Krebsforschung und wurde unter anderem für die Entwicklung der neuen Therapie für ALCL mit dem CESAR-Preis 2013 und dem Novartis-Preis der Deutschen Gesellschaft für Pathologie 2014 ausgezeichnet.

inwien.at: Sie haben in einer Studie festgestellt, dass Brustimplantate eine neue Unterart des seltenen, aber bösartigen Lymphdrüsenkrebses ALCL auslösen können. Müssen sich Frauen mit Implantaten nun Sorgen machen?

Lukas Kenner: Nein, definitiv nicht. Diese Erkrankung ist so selten, dass ein Auftreten sehr unwahrscheinlich ist. Allerdings sollten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte an die theoretische Möglichkeit des Auftretens eines solchen Lymphdrüsentumors denken.

Betrifft das generell alle Brustimplantate oder nur spezielle?

Wir haben keine Häufung bei einem bestimmten Produkt feststellen können, aber es waren überwiegend Patientinnen, deren Implantate Silikon enthielten, die an ALCL erkrankten.

Betrifft es Implantate von Frauen, die ihre Brüste vergrößern, ebenso wie solche, die nach einer Brustkrebs-OP zur Wiederherstellung der Brust beziehungsweise der Brüste verwendet werden?

So weit wir das heute sagen können, gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Prozeduren. Entscheidend scheint das Narbengewebe zu sein, das sich bei allen Implantaten bildet und in dem sich sehr selten ein Lymphdrüsentumor entwickeln kann.

Soll ich im Zweifelsfall auf eine Brustprothese verzichten?

Jeder medizinische Eingriff hat seine eigenen Risiken und es besteht immer eine Abwägung zwischen ungewollten Nebenwirkungen und dem angestrebten Nutzen. Wenn Sie mich um einen persönlichen Rat bitten würden, würde ich Ihnen unter den verschiedenen potenziellen Risiken eines derartigen Eingriffs raten, das Risiko eines Lymphdrüsentumors nicht in Ihre Abwägung einzubeziehen. Das Auftreten dieses Tumors ist sehr selten. Und selbst wenn er auftreten sollte, gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten. Das heißt, die Prognose ist in den meisten Fällen sehr gut. Viel wichtiger ist, dass Medizinerinnen und Mediziner, die viele solcher Patientinnen behandeln, sich im Klaren sein müssen, dass diese sehr kleine theoretische Möglichkeit besteht.

Generell gelten Brustimplantate als sicher. Studien haben keinen Zusammenhang zwischen Brustimplantaten und anderen Krebserkrankungen nachweisen können. Bei ALCL im Brustbereich handelt es sich noch dazu um ein extrem seltenes Ereignis. Klingt das nun nicht ein wenig nach Panikmache?

Medizinische Risiken zu kommunizieren, vor allem bei einer sehr seltenen Komplikation eines sehr häufigen Eingriffs, ist grundsätzlich sehr schwierig. Wir schätzen aufgrund unserer Denkgewohnheiten seltene Risiken in unserem persönlichen Leben oft falsch ein. Ich bin daher auch sehr dankbar über jede Möglichkeit, Frauen, die ein Brustimplantat haben, zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass unsere Ergebnisse zeigen, dass Brustimplantate an sich und insbesondere auf diese eine Tumorart bezogen sehr, sehr sicher sind. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Aber wenn sie Fragen haben, sollten sie eine Ärztin oder einen Arzt ihres Vertrauens kontaktieren. Dennoch gibt es eben einen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen dem Implantat und der Entstehung dieses Tumors. Das soll keine Panik schüren. Es hilft uns jedoch, eine mögliche Ursache der Tumorentstehung zu erforschen und so einen wissenschaftlichen Fortschritt in der Entstehung dieser Tumoren zu erzielen, der dann auch eine verbesserte Behandlung ermöglicht. Unsere Arbeitsgruppe beschäftigt sich seit Jahren mit dieser seltenen, aber aggressiven Tumorart. Insbesondere seltene Tumoren werden oft in der Erforschung von neuen Behandlungsmethoden vernachlässigt.

Könnte es theoretisch auch andere Zusammenhänge beziehungsweise Ursachen geben?

Wir haben eindeutig festgestellt, dass sich ALCL in seltenen Fällen im umgebenden Gewebe von Brustimplantaten bildet. Diese Korrelation sagt noch nichts über die Ursachen auf der zellulären Ebene aus. Und wir werden dazu weitergehende Forschungen in den nächsten Jahren durchführen. In der biomedizinischen Wissenschaft sind solche Korrelationen eine wertvolle Erkenntnis, da sie uns Hinweise geben können, gezielt auslösende Krankheitsmechanismen zu erforschen. Da ALCL so gut wie nie in der Brust von Frauen ohne Transplantat vorkommt, bin ich überzeugt, dass dieser von uns festgestellte Zusammenhang bestätigt werden kann. Aber letztlich besteht in der Wissenschaft immer eine theoretische Möglichkeit, dass wir uns irren. Sie ist wahrscheinlich noch kleiner als das Risiko, nach einem Implantat an ALCL zu erkranken.

Bislang gibt es zwei Arten von ALCL. Das durch Brustimplantate ausgelöste ALCL scheint einer dritten Gruppe anzugehören. Was unterscheidet diese dritte Gruppe von den ersten beiden?

Die bislang bekannten Arten der ALCL haben genetische Auslöser und treten zuerst meist in Lymphdrüsen auf. In der dritten Gruppe von ALCL scheinen Substanzen aus dem Transplantat eine ursächliche Rolle zu spielen.

Sie sagen, es gelte herauszufinden, welche genauen Ursachen für die Entstehung von ALCL verantwortlich sind. Was passiert nun genau?

Wir werden untersuchen, ob bestimmte Substanzen oder Substanzgruppen, die in den Implantaten verwendet werden, diese Krebsentstehung begünstigen. Dies könnte der Industrie helfen, ihre Implantate noch sicherer zu machen, indem sie diese Substanzen vermeidet. Dies betrifft natürlich auch Implantate für andere Organe. Solche experimentellen Ansätze haben wir in Wien bereits entwickelt, um das sehr rasch durchführen zu können.

Sie haben bereits vor Jahren einen todkranken Patienten innerhalb kürzester Zeit von seinem Lymphdrüsentumor befreit. Sie hatten den Hemmstoff Imatinib eingesetzt. Wird dieser auch bei dem durch Brustimplantate ausgelösten ALCL verwendet?

Dieser Wirkstoff hat vor vier Jahren einen 27-jährigen Patienten, der sonst keine Behandlungsoption mehr hatte, in wenigen Tagen von dem Tumor befreit. Ohne diese Behandlung wäre der Patient wahrscheinlich innerhalb weniger Tage gestorben. Heute geht es diesem Patient nach wie vor ausgezeichnet. Wir wissen noch zu wenig über diese neue Form des ALCL in der Brust. Und es macht medizinisch Sinn, zunächst etablierte Behandlungsoptionen zu wählen. Experimentelle Ansätze in der Behandlung von Krebspatientinnen und Krebspatienten sind grundsätzlich nur in einem sehr engen ethischen Rahmen zu vertreten.

Welche Therapien empfehlen Sie beziehungsweise werden angewendet, wenn bei Frauen mit Brustimplantaten ALCL diagnostiziert wird?

Grundsätzlich ist das eine Entscheidung der zuständigen Onkologin oder des zuständigen Onkologen, der die betroffene Patientin betreut. Die klassische Chemotherapie hat eine gute Erfolgsrate und ist sicherlich der sinnvolle erste Schritt in der Behandlung dieser aggressiven Tumoren. Aber zunehmend werden auch neue gezielte Therapieformen wie die gerade beschriebene mit verwandten Wirkstoffen von Imatinib angewendet. Sie haben oft vielversprechende Therapieerfolge und sind in den meisten Fällen mit weniger Nebenwirkungen verbunden.

Wann ist mit weiteren Erkenntnissen in diesem Bereich zu rechnen?

Wir haben einen hochwertigen Versuchsaufbau in Wien etabliert, um die Auslöser der Krebserkrankung zu beforschen. Wir haben das Proof of Principle für einen bestehenden Wirkstoff zur Behandlung dieser Erkrankung geliefert. Derzeit bemühe ich mich gemeinsam mit einem internationalen Konsortium intensiv darum, Gelder für diese sehr teuren Forschungen aufzustellen. Der Wettbewerb um öffentliche Fördermittel ist seit 2010 enorm gestiegen. Und das Interesse von Pharmafirmen, derartige Forschungen zu finanzieren, ist gering, da ALCL eine eher seltene Krebserkrankung ist. Sobald wir das entsprechende Budget beisammen haben, werden wir dieses Forschungsprojekt umgehend weiterführen.

Welche ist bis dato die für Sie wichtigste Errungenschaft in diesem Zusammenhang?

Die Erkenntnis, dass der Wirkstoff Imatinib diesen Tumor zum Absterben bringen kann.