Mit Federhut, Perücke und Krone im Büro: Zu den Aufgaben von Barbara Walter gehört auch das Aussuchen von Requisiten für Theateraufführungen. © PID/Christian Fürthner

Ein Haus für Theater, Musik und Tanz

Auf der Bühne stehen, Ballett tanzen oder Akkordeonspielen lernen: Kinder und Jugendliche können am Musischen Zentrum Wien kreativ werden. Das vielfältige Kursangebot ist niederschwellig, kostengünstig und bunt.

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen in der bunt dekorierten Eingangshalle des Musischen Zentrum Wien, die von Barbara Walters Büroplatz aus gut zu überblicken ist. "Als Teil des Vereins Wiener Jugendzentren sind wir eine sehr niederschwellige Einrichtung. Wir haben keine Aufnahmeprüfungen, verlangen keine Vorkenntnisse und bieten sehr hohe künstlerische Qualität zu moderaten Preisen", erklärt die Bereichsleiterin für Theater und Allerkleinste. Die junge Theaterpädagogin hält von ihrem Schreibtisch aus den regen Kursbetrieb am Laufen.

Barbara Walter hält die Kurse für Theaterbegeisterte am Laufen. © PID/Christian Fürthner

Organisieren als Abenteuer

"Kursplanung, Anmeldung, Organisation, Betreuung der Künstlerinnen und Künstler sowie Kontakt zu den Eltern", zählt Walter ihre Aufgaben auf. Was trocken klingt, ist in der kunterbunten Welt des Musischen Zentrums ein kleines Abenteuer. Immerhin ist das Haus in der Zeltgasse 7 ganze 2.854 Quadratmeter groß. Eine Fläche so groß wie die Arkadenhoffläche im Wiener Rathaus, die auf sechs Stockwerke des Altbaus verteilt ist. Die Hauptanmeldezeit für die Kurse ist im Mai, Kursstart im Oktober. Die Schwerpunkte sind Musik, Tanz und Theater. Kinder und Jugendliche können auch direkt in einen Kurs hineinschnuppern, frei gewordene Plätze ergattern oder kostenlose außerordentliche Kursangebote besuchen.

Von strengem Schulinstitutschick hält man beim Musischen Zentrum wenig. Stattdessen ist die Gestaltung bunt und freundlich. © PID/Christian Fürthner

Klassik und knallbunte Möbel

In jedem Stockwerk trifft die nüchterne Eleganz eines Altbaus auf quietschbunte Türen und knallige Möbel. Geräumig und doch gemütlich, zweckmäßig und gleichzeitig verspielt: Das Haus hat eine eigene Atmosphäre. Doch erst die Arbeit von Barbara Walter und ihren sechs Kolleginnen und Kollegen erfüllt das Gebäude mit Leben und Kreativität. Jedes Stockwerk hat seine eigene Klangmischung. Hinter manchen Türen sind Bühnendialoge zu hören, hinter anderen Geräusche, die viele kleine Füße beim Tanzen verursachen. Oder die ersten Akkorde auf einem Instrument. Künstlerinnen und Künstler vermitteln in den 18 großen Räumen den Kindern und Jugendlichen ihr Können.

Fotos aller Künstlerinnen und Künstler schmücken die Auslage im Eingangsbereich des Musischen Zentrums. © PID/Christian Fürthner

Rund 50 lehrende Künstlerinnen und Künstler bieten im Musischen Zentrum Kurse in Musik, Tanz und Theater an. Barbara Walter erklärt: "Wir nennen sie nicht Kursleiterinnen und Kursleiter, sondern Künstlerinnen und Künstler, weil wir darauf achten, dass sie auch außerhalb des Musischen Zentrums künstlerisch aktiv sind." Walter ist selbst als Künstlerin an das Musische Zentrum Wien gekommen. Sie hat den Kurs Generationentheater entwickelt, bei dem Kinder gemeinsam mit ihren Großeltern ein Stück erfunden haben. "Nun bin ich für die Organisation der Kurse und deren Ablauf zuständig. Das hält den Künstlerinnen und Künstlern den Rücken frei. Sie können sich komplett auf die Kinder und Jugendlichen konzentrieren", so Walter.

Die Kurswelt des Musischen Zentrums Wien reicht vom Akkordeonunterricht bis zum zauberhaften Theater. © PID/Christian Fürthner

Viele bunte Kurse

Sechs Farben stehen für die verschiedenen Schwerpunkte und Altersstufen. "Je nach Alter und Kurssparte haben unsere Folder eine eigene Farbe", erklärt Walter. Zu den Schwerpunkten Musik, Tanz und Theater werden Kurse für verschiedene Altersgruppen angeboten. Schon die Allerkleinsten können ab dem ersten Lebensjahr, natürlich gemeinsam mit ihren Eltern, kreativ werden. Darüber hinaus gibt es auch Kurse für Kinder von vier bis elf Jahren und für Jugendliche ab zehn Jahren. "Ich bin für den Bereich Theater allgemein und die Altersgruppe der Allerkleinsten zuständig", so Walter. Sie berät Eltern und Kinder auf der Suche nach dem passenden Angebot.

Bei ihr trudeln auch die Bewerbungen der Künstlerinnen und Künstler ein, die gerne einen Kurs leiten wollen. "Am besten ist natürlich, sich gleich mit einer Kursidee zu bewerben. Dabei reicht es nicht einfach zu sagen, ich möchte dieses Stück mit zehn Kindern auf die Bühne bringen. Uns ist wichtig, dass die Kinder das Stück mitgestalten. Ihre Wünsche, Bedürfnisse und kreativen Einfälle müssen im Zentrum jedes Kurses stehen", so Walter. Wenn das Kursangebot steht, die meisten Kursplätze vergeben und die Kurse angelaufen sind, hat Barbara Walter weiterhin alle Hände voll zu tun.

Blickfang: Das Atelier im vierten und obersten Stock eignet sich besonders gut für das Improvisationstheater. © PID/Christian Fürthner

Als Theaterpädagogin weiß Barbara Walter, dass der sonnengelbe Kreis im Zentrum des Ateliers im vierten Stock besonders gut für das gemeinsame Theaterspielen geeignet ist: "Der Kreis bringt die Kinder und Jugendlichen zusammen und fokussiert ihre Aufmerksamkeit." In dem großen Raum wird aber nicht nur improvisiert, sondern auch getanzt, gesungen und für Aufführungen geprobt. Er gehört zu jenen Räumen, die auch externen jungen Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung gestellt werden. Im Atelier findet etwa montags ein achtzigköpfiger Chor Platz. Die Raumvergabe erfordert Planung und Fingerspitzengefühl: "Ich versuche immer auf die Bedürfnisse der Kinder, Jugendlichen sowie Künstlerinnen und Künstler einzugehen und ihnen den bestmöglichen Platz für ihr kreatives Schaffen zu geben."

Barbara Walter auf der Suche nach dem perfekten Kopfschmuck für die nächste Aufführung. © PID/Christian Fürthner

Reich der Requisiten

Ein gelungenes Theaterstück braucht neben einer passenden Bühne auch Requisiten. Barbara Walter hilft bei der Suche nach der richtigen Ausstattung mit. Sie hat den Schlüssel zur "Werkstatt" und zum "Proberaum". "In diesen Räumen bewahren wir Requisiten und Kostüme auf", erklärt Walter. Die "Werkstatt" gehört zu Walters absoluten Lieblingsplätzen im Musischen Zentrum. "Die Künstlerinnen und Künstler geben mir eine Liste mit den Dingen, die sie für die Aufführungen brauchen, und ich suche sie allein oder gemeinsam mit ihnen zusammen. Es macht sehr viel Spaß, in unserem Fundus zu stöbern." Der Autor und Dramaturg Stephan Lack schätzt die tatkräftige Unterstützung von Walter. "Das ist ein echter Luxus", schwärmt er. "Ich kann mich völlig auf die Arbeit mit den Kindern konzentrieren."

Im großen Wandschrank des Proberaums werden die schönsten Kostüme verwahrt. © PID/Christian Fürthner

Schätze im Wandschrank

Die schönen Kleider und Kostüme warten im riesigen Wandschrank des "Proberaums" auf ihren Auftritt. Barbara Walter hilft Stephan Lack bei der Suche nach einem Kleid für die Aufführung "Alice". Im Kurs "Schatzsuche Theater" hat Lack den Klassiker gemeinsam mit seinen jungen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern umgearbeitet. Bald wird das Stück auf der hauseigenen Bühne den stolzen Eltern präsentiert. 

Wenn der Theaterclub probt, übernimmt Barbara Walter ab und zu auch die Rolle der Zuschauerin. © PID/Christian Fürthner

Das Musische Zentrum Wien hat einen eigenen Theaterraum. Die hell erleuchtete Bühne, der schwere Vorhang und die zahlreichen Zuschauerinnen- und Zuschauerreihen lassen die Herzen der jungen Theaterbegeisterten höherschlagen. "Ich freue mich jedes Mal, wenn ich hier auf der Bühne stehe. Es ist befreiend, die Schule und den Alltag hinter sich zu lassen", so Viktoria (17). Für ihren Schauspielkollegen Emil zählt vor allem der kreative Zugang: "Am meisten gefällt mir, dass wir eigene Ideen einbringen können."

Barbara Walter schaut gerne bei den Proben der Theaterkurse vorbei. Sie berät die Künstlerinnen und Künstler, wenn sie bei der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen Unterstützung brauchen. Walter ist überzeugt: "Theaterspielen bringt sehr viel. Es ist ein Prozess, bei dem Sozialkompetenz, Flexibilität, Kreativität und Selbstbewusstsein gestärkt werden." An ihrem Job schätzt sie vor allem, dass sie die Entwicklung der Kinder miterleben kann:

"Das gilt für jene, die gerne im Mittelpunkt stehen und lernen sich auch mal zurückzunehmen, ebenso wie für die Schüchternen, die Mut fassen und aus sich herausgehen."

Wenn die letzten Kurse enden, macht Barbara Walter den Schlussdienst. © PID/Christian Fürthner

Ein letztes Mal durch das ganze Haus gehen. Die Lichter löschen, die Türen und Fenster verschließen sowie liegen gelassene Taschen oder Jacken in Sicherheit bringen. Das sind die Aufgaben, die Barbara Walter am Ende ihres Arbeitstages durchführt. "Wenn ein Tag zu Ende geht, ist es seltsam still im Musischen Zentrum. Normalerweise haben wir ja in jedem Stockwerk eine andere Musik- und Klangkulisse." Schon bald erwacht das Musische Zentrum aber wieder zum Leben, als Bühne für die kreative Entwicklung der nächsten Generation.