Dieser Mitarbeiter steuert mit den Fingern sein digitales Display, das ihn bei Wartungsarbeiten unterstützt. © Wien Energie

Wien Energie: Das digitale Kraftwerk

Im Rahmen der Innovation Challenge von Wien Energie zeigt das Unternehmen ViewAR die Zukunft der Wartung. Unter dem Motto "Maintenance 4.0" werden Wartungsprozesse mithilfe einer digitalen Brille revolutioniert.

Ein ungewöhnlicher Anblick im Biomassekraftwerk Simmering: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Head-Mounted Displays. Sie tragen ein Ausgabegerät, das via App Informationen im Sichtfeld des Displays grafisch oder textlich darstellt. Zum Beispiel: Ein Mitarbeiter kommt an seinen Platz und setzt die Brille auf. Von der Kommandozentrale kommt ein Auftrag für ihn rein. Jetzt taucht vor ihm eine Reihe von roten Punkten auf, die ihm den Weg zum Arbeitsort weisen.

Den roten Punkten folgend erreicht er die Turbine. Die ist in der ersten Phase des Projekts der Einsatzort für die Technologie. Der Mitarbeiter soll eine Schwingungsmessung durchführen. Das ist bei Turbinen regelmäßig nötig, um früh mögliche Unwuchtungen zu erkennen und zu korrigieren. Die allgemeinen Leistungsdaten der Maschine sieht er gleich bei seiner Ankunft auf seinem Display. Dann bringt er den Schwingungsmesser an und kontrolliert das Gerät. Er trägt den Messwert ein und der Auftrag ist abgeschlossen.

Eine zukunftsweisende Technologie

Diese Displays sind keine Zukunftsmusik, sondern schon im Einsatz. Die Technologie wurde von ViewAR im Rahmen der Wien Energie Innovation Challenge gemeinsam mit der WienIT entwickelt. Dabei konnten zukunftsweisende Ideen eingereicht werden. Vier dieser Projekte wurden dann für eine zweimonatige Accelerator-Phase ausgewählt, die mit einer Präsentation endete. "Accelerator" kann man mit "Beschleuniger" übersetzen und steht für die intensive und zeitnahe Innovation, die durch den knappen Zeitrahmen erreicht wird. Neben dem "Maintenance 4.0"-Projekt war beispielsweise auch ein Team zum Thema "Smarte Drohnen" im Einsatz.

Smarte Drohnen

Das Unternehmen ViewAR hat reichlich Erfahrung auf dem Gebiet. "Wir bauen seit fünf Jahren ein Augmented-Reality-System, das unterschiedlichste Technologien integriert und darauf basierend eine Entwicklerplattform geschaffen hat", sagt Markus Meixner, Gründer von ViewAR. Bisherige Einsatzgebiete waren unter anderem Produktvisualisierungs-Systeme für Bang & Olufsen oder ein mobiles Volumen-Scan-System für Lufthansa Cargo. 

Das Projekt läuft unter dem Titel "Maintenance 4.0". Das heißt auf Deutsch "Wartung 4.0". In Kraftwerken ist ein großer Teil der Arbeitskraft auf Wartung konzentriert. Mit dem ViewAR-System kann der Zeitaufwand erheblich reduziert werden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können in Sekundenschnelle informiert werden, wohin sie gehen sollen und was dort dann zu tun ist. Egal ob ein Foto aufzunehmen ist oder man eine Überprüfung durchführen muss: Mit den Head-Mounted Displays funktioniert Wartung äußerst effizient.

Der Computer auf der Nasenspitze

"Head-Mounted Displays werden die nächste Art von Computern sein. Laptops sind bei Wartungen nicht im Einsatz weil sie nicht handlich genug sind, weil sie nicht mobil genug sind und weil es an kontextrelevanten Informationen mangelt", sagt Meixner. Die Brille weiß immer, wo man ist, wo man hinsieht, und kann die entsprechenden Daten sichtbar machen. Zudem erlaubt der Einsatz der Brille, dass die Hände frei bleiben. Das geschieht nicht nur in Echtzeit, sondern auch in 3-D. Man kann Inhalte positionieren und um diese herumlaufen, sie vergrößern und verkleinern und bedient die Applikation durch Klicks und Drehs, einem Touchscreen ähnlich.

Daten kann man überall als Information bereitstellen. "Ich kann an einer Position Informationen verankern. Sei es ein Messwert, Live-Daten oder eine Anleitung. Möchte ich an einem Gerät eine Anleitung darstellen, wie man z.B. die Maschine öffnet und den Filter wechselt, kann ich das mit dieser Technologie tun. Es ist eine völlig neue Art, Informationen zu verankern und zur Verfügung zu stellen", sagt Meixner.

Die Einsatzmöglichkeiten reichen über reine Wartung hinaus. Man kann die Displays zum Beispiel als Leitsystem für Besucherinnen und Besucher nutzen. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Im Biomassekraftwerk hat man einen ersten Einsatz geschafft. "Der nächste Schritt wäre auch ein Kreativprozess, in dem überlegt wird, was diese Technologie noch alles leisten kann", so Meixner.

Die nächste Phase kann kommen

Das Projekt schreitet nun auch tatsächlich in die nächste Phase. Eine Anlage von Wien Energie soll komplett digitalisiert werden. Alle Prozesse und Geräte sollen digital abgebildet werden. ViewAR und WienIT fungieren dabei sowohl als Dienstleister als auch als Technologieanbieter. Eine seltene Kombination, die auch für Wien Energie attraktiv ist. "Wir sind auch daran interessiert, die App irgendwann zu übergeben und Wien Energie die Chance zu bieten, selbst weiterzuentwickeln." 

Von der Innovation Challenge war man bei ViewAR angetan. "Wir mussten in kurzer Zeit extrem viel entwickeln. Wir hatten nicht ganz zwei Monate Zeit vom Start bis zur finalen Präsentation. Das war zwar sehr knapp, aber ein guter Ansatz, Innovation voranzutreiben. Es freut uns, dass ein Unternehmen wie Wien Energie auch in diese Richtung denkt", sagt Meixner. Mit dem Konzept hat Wien Energie die Suche nach Innovation modern und effektiv umgesetzt.

Dem digitalen Kraftwerk könnte man einen großen Schritt nähergekommen sein.