• Allergieforscher Rudolf Valenta
    Allergieforscher Rudolf Valenta ist sich sicher, dass in rund zehn Jahren eine Schnupfen-Impfung auf dem Markt sein wird. © Bohmann/Bubu Dujmic
  • Rudolf Valenta und Katarzyna Niespodziana
    Rudolf Valenta bespricht sich mit Katarzyna Niespodziana. Er steht dem Forschungs-Team wie ein Trainer zur Seite. © Bohmann/Bubu Dujmic
  • Glas-Chip
    © Bohmann/Bubu Dujmic
  • Glas-Chip
    Für den Bluttest braucht es ein millionstel Liter Blut, also einen kleinen Tropfen, aus dem Serum gewonnen wird. © Bohmann/Bubu Dujmic
  • Glas-Chip
    Dieses Serum wird eingefroren. Acht Wochen später wird eine weitere Blutprobe genommen, die eingefrorene aufgetaut und beide auf einem Glas-Chip getestet. © Bohmann/Bubu Dujmic
  • Glas-Chip
    Danach wird im Vergleich die Diagnose gestellt. © Bohmann/Bubu Dujmic

Kleiner Stich statt lautem Niesen!

Ein Forscherinnen-Team unter der Leitung des Allergieforschers Rudolf Valenta hat eine Schutzimpfung gegen die lästigen Entzündungen der Nasenschleimhaut entwickelt. Ihr Arbeitsplatz ist im Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung im AKH.

Davon träumen viele schon seit Langem: nie mehr Schnupfen. Ein Leben ohne rinnende, juckende Nase, brummenden Kopf, lautem Hatschi oder wunder Haut in der Schnäuzzone? Klingt nach Wunschtraum. Ist es aber nicht. Der Allergieforscher Rudolf Valenta vom AKH Wien arbeitet im Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien mit seinem Team seit zehn Jahren an einer realen Lösung. Der Durchbruch scheint in Reichweite.

inwien.at: Professor Valenta, zugegebenermaßen ist Schnupfen, die sogenannte akute Rhinitis, eine mühsame Erkrankung. Aber ist sie wirklich so gefährlich, dass man dafür eigens einen Impfschutz entwickeln muss?

Rudolf Valenta: Natürlich nicht für alle. Aber für jene, die Grunderkrankungen an der Lunge haben, kann eine simple Rhinitis im schlimmsten Fall einen tödlichen Verlauf nehmen. Unabhängig davon gibt es auch einen wirtschaftlichen Aspekt der Erkrankung, den man nicht übersehen darf.

Wie meinen Sie das?

Bedenken Sie nur, dass im Schnitt jede und jeder Erwachsene etwa drei Mal im Jahr an einem kräftigen Schnupfen erkrankt. Kinder sogar bis zu acht Mal. Die Rhinitis zählt immerhin zu einer der häufigsten Infektionskrankheiten überhaupt. Fällt sie stark aus, kann sie den Weg freibahnen für eine Nebenhöhlen- oder Lungenentzündung, die beide ans Bett fesseln und mit Antibiotika behandelt werden müssen. Da fallen Kosten an, die in der Regel der Versicherungsträger übernehmen muss. Für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bedeutet das wiederum den Ausfall ihrer Angestellten und Arbeit, die nicht erledigt werden kann. Für Angestellte, dass sie sich oft trotzdem ins Büro quälen und dort weniger leistungsstark sind. Kinder verpassen Unterricht. Eltern müssen in Pflegeurlaub und danach mit den Sprösslingen verpassten Stoff nachholen. Das ist ein ungemeiner Ressourcen- und Energieverlust, der erspart werden soll.

Sie würden also alle Menschen prophylaktisch impfen?

Aber natürlich. Warum denn nicht. Der Impfstoff wird kostentechnisch im unteren Bereich liegen. Ich würde Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern sogar aktiv empfehlen, ihren Angestellten den Impfstoff gratis zur Verfügung zu stellen. Ein Schnupfen dauert rund sechs Tage bis zur Ausheilung. Das sind etwa 18 Tage im Jahr pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter.

Welche Erkenntnis stand am Anfang der Forschung?

Jene, dass wir herausgefunden haben, dass Schnupfenviren, die bei Kindern Asthmaanfälle verursachen, der Immunantwort entkommen. Weil die Patientinnen und Patienten Antikörper gegen die falsche Stelle am Virus produzieren und damit die Infektion nicht verhindern können. Auf der Basis dieser Entdeckung konnten wir einen Bluttest entwickeln, mit dem man herausfinden kann, welches dieser Kinder überhaupt den Virus in sich trägt. Damit können wir die Kinder rausfiltern, die künftig mit einem etwaigen Impfstoff vor Asthmaanfällen zu schützen sind. Das ist nun rund zehn Jahre her.

Ist Schnupfen immer gleich Schnupfen?

Nein. Auch wenn es sich für den Erkrankten mehr oder weniger intensiv immer ähnlich anfühlt. Es gibt 150 verschiedene Schnupfenstämme. Aber mit unserem neuen Bluttest muss man das Blut nur auf rund 30 verschiedene Stämme testen, um auf die übrigen 120 Rückschlüsse ziehen zu können.

Diagnose wird im Vergleich zweier Blutproben gestellt.
Die Diagnose wird im Vergleich zweier Blutproben gestellt, die in einem Abstand von acht Wochen entnommen und mittels Computer ausgewertet wurden. © Bohmann/Bubu Dujmic

Wie funktioniert der Bluttest?

Eigentlich ganz simpel. Ich brauche zuerst ein millionstel Liter Blut, also einen kleinen Tropfen, aus dem Serum gewonnen wird. Dieses Serum friere ich dann ein. Acht Wochen später nehme ich eine weitere Blutprobe, taue die eingefrorene auf und teste beide auf einem Glas-Chip. Danach wird im Vergleich die Diagnose gestellt. Beziehungsweise kann man dann zum Beispiel sagen, ob ein Kind aufgrund eines Schnupfens einen Asthmaanfall hatte oder eben nicht. Dem Schnupfenkind kann mit der dazu passenden Impfung künftig der Anfall erspart werden. Das Patent für den Impfstoff wurde bereits angemeldet.

Wann, denken Sie, kann erstmalig geimpft werden?

Weitere rund zehn Jahre wird es wohl dauern, bis der Wirkstoff auf dem Markt ist. Jetzt haben wir einen Prototyp, der im Labor getestet wird. Wenn die vorklinischen Studien weiter so gut laufen, werden wir in der Lage sein, erste Personen in klinischen Studien zu impfen. Das heißt, wir werden in rund ein bis zwei Jahren Personen testweise impfen und dann sehen, ob sie resistent gegen den Keim sind. Es ist wichtig, dass wir alle Schritte langsam, sorgfältig und unter fachgerechter Dokumentation durchführen, weil für die Registrierung von Impfstoffen allerhöchste Qualitätskriterien gelten.

Wissen Sie heute schon, wie oft oder in welchem Abstand geimpft werden muss?

Wir gehen davon aus, dass die Impfung zwei Mal im Jahr in einem Abstand von etwa sechs Monaten durchgeführt werden muss. Vorrangig bei Personen, bei denen Schnupfen Asthma, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen, kurz COPD, und Mischformen aus Asthma und COPD auslöst. Damit können wir die Abwehrkräfte bei Gefährdeten hoch genug halten.

Wie viel kostet Ihre Forschungsarbeit im Labor?

400.000 Euro im Jahr und sie ist jeden Cent wert, weil der Hauptteil für hoch qualifizierte Wissenschafterinnen verwendet wird. Verschwendet wird nichts. Weder Zeit noch Geld. Um diese finanziellen Mittel müssen wir uns selbst kümmern und reichen Projektanträge für Förderungen ein. Das ist ein sehr zeitintensiver Prozess.

Das Forschungs-Team
Dass Forschungsteam rund um Rudolf Valenta ist international. © Bohmann/Bubu Dujmic

Wie viele Personen sind an diesem Forschungsprojekt beteiligt?

Es arbeiten vier ganz tolle, junge Wissenschafterinnen daran. Katarzyna Niespodziana aus Polen, Kristina Borochova aus Russland, Clarissa Cabauatan von den Philippinen und Sheron Dzoro aus Simbabwe. Alle stammen aus verschiedenen Ländern und bringen sich mit großer Hingabe in das Projekt ein. Im ganzen Labor haben wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 21 Nationen. Daher ist es auch häufig so, dass wir im Arbeitsalltag englisch sprechen.

Was ist Ihre Funktion?

Ich stehe dem Team wie ein Trainer zur Seite, leite an, fördere, fordere heraus, unterstütze bei unüberbrückbar erscheinenden Problemstellungen. Unser gemeinsames Ziel ist, Menschen bestmöglich zu helfen, gesund zu bleiben oder zu werden.

War das schon immer Ihr Wunsch?

Ja. Eindeutig. Das war mein Beweggrund, in die Medizin zu gehen. Allerdings wollte ich anfangs Landarzt werden. Dafür habe ich in Mindestzeit studiert und meine Prüfungen mit ausgezeichneten Bewertungen abgeschlossen. Im Laufe meiner Ausbildung habe ich dann erkannt, dass ich mich doch wohl eher an der Stelle einbringen möchte, an der Wissen generiert wird. Und das ist in Österreich das Flaggschiff der medizinischen Forschung sowie Patientinnen- und Patientenbehandlung, die Medizinische Universität Wien mit dem Allgemeinen Krankenhaus Wien. Zu meiner medizinischen Ausrichtung hat mich unter anderem ein Buch, eine Fachlektüre über Molekularbiologie, gebracht. Nachdem ich das gelesen hatte, wusste ich: Das ist "die" und auch meine Zukunft.