Im Renaissancetheater feierte seit 1957 das Theater der Jugend große Erfolge. © PID/Christian Fürthner

stadtUNbekannt im Renaissancetheater: Ein Theater wie ein Eisberg

Das Renaissancetheater ist ein Schauspielhaus voller Überraschungen. Seit über 100 Jahren residiert es mitten in einem Mietshaus, der größte Teil davon ist weitverzweigt im Keller untergebracht.

Wer die Bühne des Renaissancetheaters in der Neubaugasse 36 betritt, stellt fest: Hier ist vieles sichtbar anders als in anderen Theatern. Es gibt keine Hinterbühne. Keine Seitenbühne. Es gibt auch keinen Schnürboden über der Bühne, an dem zum Beispiel Teile des Bühnenbilds an Zügen herabgelassen werden können.

Gewinnspiel

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Eiserner Vorhang schließt
Einzigartig: Der weiße, eiserner Vorhang muss per Hand von unten hochgezogen werden. © PID/Christian Fürthner

Direkt über der Spielstätte, also im ersten Stock des Hauses, befinden sich die Büros des Theaters der Jugend. Früher waren es Lagerräume für die Geschäfte der Neubaugasse. Dramaturg Gerald Maria Bauer: "Daher gibt es keine Lärmprobleme mit der direkten Nachbarschaft. Doch in den Büros hört man fast jeden Ton."

Analog statt digital

Die größte Besonderheit des Theaters ist ein fast tonnenschweres Original aus dem Jahr 1912. Ein eiserner Vorhang.

Der eiserne Vorhang
Der eiserne Vorhang sollte von oben herabfallen, nicht im Renaissancetheater. © PID/Christian Fürthner

Er wird herabgelassen, um im Brandfall das Bühnenhaus vom Zuschauerinnen- und Zuschauerraum zu trennen. Doch hier steht die Theaterwelt Kopf. "Unser eiserner Vorhang muss von unten hochgezogen werden. Und das erfolgt mithilfe von schweren Gegengewichten."

Requisiten
Regale und Kisten voll Requisiten: vom Schlüsselbund bis zum Grammophon. © PID/Christian Fürthner

Auf dieser Bühne ist noch viel analog und wenig digital. Was anderswo per Knopfdruck geht, wird hier händisch erledigt. Das erfordert vom Technik-Team Präzision bei jeder Aufführung, bis alles in Fleisch und Blut übergeht.

Ständiger Platzmangel

Die größten Herausforderungen für den laufenden Theaterbetrieb sind nicht nur die eingeschränkten technischen Möglichkeiten, sondern vor allem der ständige Platzmangel.

Unzählige Brillen
Brillen sind eine der meistgebrauchten Requisiten. © PID/Christian Fürthner

Auch nach über 100 Jahren des Bestehens breitet sich das Renaissancetheater immer noch wie eine riesige Krake im Haus aus. So liegt der größte Teil des Theaters unter der Bühne, verzweigt im Haus Neubaugasse Nummer 36 und 38. Zwei Probenräume, die Maske, die Tapeziererei, mehrere Garderoben, Toiletten und eine Anbindung an die bestehenden unterirdischen Gänge wurden 1991 errichtet. Der heutige "Probenraum Neubau" etwa beherbergte von 1936 bis 1999 den "Club der Kinoamateure Österreichs". Er war Treffpunkt für all jene, die selber Kurzfilme drehten und sie Gleichgesinnten präsentieren wollten.

Großer Safe
Der Safe im Keller gehörte einst dem "Club der Kinoamateure Österreichs". © PID/Christian Fürthner

Der älteste noch existierende Filmklub Europas übersiedelte und ließ einen klobigen Safe zurück, der noch heute in einem alten Kellergang des Wohnhauses steht.

Hinter eisernen Türen

In den unterirdischen Gängen reiht sich ein Abteil an das andere. Einige wurden bereits vor 60 Jahren für das Theater adaptiert, andere erst vor wenigen Jahren zusammengelegt. Anton Hilmbauer-Hofmarcher, technischer Leiter des Theaters, hat die Schlüssel für die Lagerstätten. In einem Abteil stapeln sich meterhoch fix verkabelte Batteriekästen.

alte Scheinwerfer
Sammeln statt entsorgen scheint das Motto im Theater zu sein. © PID/Christian Fürthner

"Bei Stromausfall springt die Zusatzbeleuchtung auf der Bühne und im Zuschauerraum an. Die Notbeleuchtung zeigt die Fluchtwege an." Nur wenige Meter weiter ist ein Abteil mit unzähligen Leuchtmitteln. Die Wände zieren vergilbte Filmplakate. Davor lagern alte Glühlampenscheinwerfer, die meisten älter als 30 Jahre. "Für Schauspielerinnen und Schauspieler waren sie im Vergleich zu den heutigen LED-Lampen ein Albtraum.

Historische Scheinwerfer
Ausgemusterte Scheinwerfer. Sie produzieren zu viel Hitze. © PID/Christian Fürthner

Denn sie spendeten wenig Licht und produzierten unangenehm viel Wärme." Heute hängen rund 300 Leuchtteile im Theater: Spots, Scheinwerfer, Dimmer.

Sammeln statt entsorgen

Geradezu skurril ist der Inhalt des nächsten Raums: Requisiten, die es nie auf die Bühne geschafft haben. Anton Hilmbauer-Hofmarcher: "Wir bewahren diese Dinge trotzdem auf, weil wir sie vielleicht irgendwann noch brauchen könnten. Vor Kurzem haben wir ein Klavier entsorgt. Das hätten wir natürlich beim nächsten Stück gebraucht.“ 

Kostüme
Kostüme sind das Um und Auf in jedem Theater. © PID/Christian Fürthner

Ein Teil des Kostümfundus ist im Kellerabteil des ehemaligen Hausmeisters untergebracht. Zu sehen sind dort zum Beispiel Monster, abgetrennte Menschenköpfe und Bärenkostüme.

Technische Werkstatt ausgelagert

Für eine eigene Werkstatt ist im Haus kein Platz. Diese befindet sich in Simmering, in der Dreherstraße. Dort werden die Kulissen aus kleinen, zerlegbaren Einzelteilen gefertigt. Der Seiteneingang zum Theater ist nämlich so schmal, dass größere Teile nicht durchpassen.Einen direkten Zugang zur Bühne gibt es nicht. "Das Nadelöhr war schon immer die Saaltür des Publikumraums. Sie ist nur etwa 200 mal 230 Zentimeter groß ", weiß der Technikchef. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Scheinwerfer hängen herab
Unzählige Scheinwerfer hängen in einem Kellerabteil. © PID/Christian Fürthner

Denn das Theater der Jugend spielt im Renaissancetheater meist fünf Eigenproduktionen in der Saison. Und sämtliche Bühnebilder müssen durch diese enge Tür passen. "Das Renaissancetheater ist so eine abstruse, tolle Mischung zwischen Wohnhaus und Theater, dass sie schon wieder eine Perle des Skurrilen ist", sagt Thomas Birkmeir, künstlerischer Direktor des Theaters der Jugend. Denn sie liegt inmitten eines Wiener Mietshauses, das rund 50 Parteien beherbergt.

Puppen
Im Keller lagern riesige Puppen. © PID/Christian Fürthner

Hätte der Zufall 1912 nicht Regie gespielt, wäre die hohe Kunst nie in das edle Jugendstil-Gebäude in der Neubaugasse eingezogen. "Damals adaptierte die Wiener Volksbühnenbewegung den ebenerdigen Kinosaal provisorisch für die Schauspielkunst", erzählt Birkmeir. Aus der nur für wenige Jahre geplanten Übergangslösung wurde eine fixe Einrichtung, die bis heute besteht.
"Stars wie Heinz Rühmann, Hans Moser oder Fritz Kortner feierten auf dieser Bühne große Erfolge." Auch die Löwinger-Bühne unterhielt hier 25 Jahre lang ihr Publikum. Seit 1957 nutzt das Theater der Jugend das Schauspielhaus, um ein junges Publikum mit seinen Produktionen für die Theaterkunst zu begeistern.

Ein großer Teil des Theaters ist weitverzweigt im Keller untergebracht. © PID/Christian Fürthner

Das Renaissancetheater hat sich in den über 100 Jahren verändert und wird auch weiterhin für Spannung auf und unter der Bühne sorgen, ist sich Theater-Direktor Birkmeir sicher.

Video: stadtUNbekannt - Renaissancetheater