Die Österreichischen Nationalbibliothek ist die größte wissenschaftliche Bibliothek des Landes. ©PID/Jobst

Verborgener Ort des Wissens

Zwischen Neuer Burg am Heldenplatz und Burggarten ist in 14 Meter Tiefe und auf einer Fläche von insgesamt 16.300 Quadratmetern das Wissen der Nation verwahrt. Besuchen Sie mit stadtUNbekannt den Tiefspeicher der Österreichischen Nationalbibliothek.

Kühl und nüchtern, aber auch hell und freundlich ist der erste Eindruck, wenn man im 4. Stock unter der Erde aus dem Lift steigt. Wir sind im Tiefspeicher der Österreichischen Nationalbibliothek. Hierher "verirrt" sich wohl niemand, denn der Eingang ist nicht einfach zu finden. Von der Kommunikationslounge aus geht es zwei Stockwerke nach unten, bis man im Lesesaal der Großformate vor einer holzvertäfelten Tür steht, durch die man zum Lift in den Tiefspeicher gelangt.

Gang im Tiefspeicher

Im Bücherspeicher dominieren die Farben Blau und Grau. Scheinbar endlose Gänge sind beidseitig von blau-grauen Regalen begrenzt. Dazwischen stehen sowohl leere als auch beladene blau-graue Bücherwagen. Ein metallenes Schienensystem mit blauen Wägelchen sticht ins Auge. Und hin und wieder sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit Büchern hantieren, zu sehen. In den vier Stockwerken des Speichers befinden sich rund drei Millionen Bücher in Metallkompaktregalen mit Kurbeln. Trotzdem kommt vor dem gesammelten Wissen der Nation kein Gefühl der Ehrfurcht auf. Denn aufgrund der kompakten Lagerung sind kaum Bücher zu sehen.

Jedes Jahr 40.000 neue Bände

Michaela Mayr, Leiterin der Hauptabteilung Benützung und Information

Michaela Mayr, Leiterin der Hauptabteilung Benützung und Information, erklärt: "Im Tiefspeicher verwahren wir unseren Bestand an Büchern und Zeitungen, die nach 1850 erschienen sind. Jährlich kommen etwa 40.000 Bände dazu. " Die Nationalbibliothek sammelt alle Druckwerke, die in Österreich publiziert wurden. Der Sammelschwerpunkt liegt auf den Geisteswissenschaften. Mayer: "Es besteht eine Pflichtabgabe, das heißt, Verlage sind verpflichtet, Neuerscheinungen an die Bibliothek zu schicken. Zusätzlich kaufen wir im Ausland erscheinende Austriaca an." 1982 eröffnet, hat der Tiefspeicher seine Lagerkapazität mittlerweile fast erreicht. Ein neues Tieflager am Standort Heldenplatz steht daher ganz oben auf der Wunschliste der Nationalbibliothek. "Es ist im Regierungsprogramm bereits vorgesehen", meint dazu Mayer. Neben dem Tiefspeicher hat die Nationalbibliothek weitere Archiv- und Lagerräume für andere Objekte wie etwa Handschriften, Papyri, Grafiken und Fotos.

Transportsystem auf Schienen

Der Telelift im Tiefspeicher.

Das Herzstück des Tiefspeichers ist der Telelift. Das moderne Transportsystem auf Schienen wurde 2010 installiert und löste die Butte, eine Art Rucksack aus Holz, ab. Die Anlage umfasst 800 Schienenmeter mit 26 Mehrfachweichen und einem Wagen-Hauptspeicher. Sie transportiert die Bücher zwischen zehn Stationen im Magazin und der Buchausgabe. Leise surren die insgesamt 50 kleinen Wägelchen die Schienen entlang. Mitunter auch kopfüber an der Decke. Die Wägelchen drehen sich dabei einfach um, damit die kostbare Fracht geschützt ist. Der Lift beziehungsweise jedes Wägelchen wird über eine Software gesteuert, die Bibliothekarin beziehungsweise der Bibliothekar programmiert das jeweilige Ziel einfach ein.

Hinter der Buchausgabe der Nationalbibliothek

Mayr: "Durch den Telelift und die Nähe zu den Lesesälen können wir die Bestellungen unserer Benutzerinnen und Benutzern innerhalb von zwei bis drei Stunden bearbeiten. " Die Leserinnen und Leser bestellen online nach Katalog. Die Bestellscheine werden an zentraler Stelle automatisch ausgedruckt und nach Stationen, in der das Buch steht, sortiert. Dann holen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Scheine ab und heben das bestellte Buch aus, das via Telelift zur Buchausgabe gelangt.

Arbeitsanforderung: gut zu Fuß sein

Walter Köhrl beim Telelift

Insgesamt 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten pro Tag in der Abteilung Benutzung und Information. Zwölf Stunden pro Tag sind die Lesesäle geöffnet und werden Bücher ausgehoben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versehen ihre Arbeit im Schichtbetrieb, sie wechseln zwischen Diensten im Tiefspeicher und am Entlehnschalter. Mayr sagt: "Die Arbeit im Tiefspeicher ist eine körperlich herausfordernde Tätigkeit. Außerdem müssen unsere Mitarbeiter sehr genau und gewissenhaft sein." Walter Köhrl arbeitet seit über fünf Jahren in der Abteilung. Er bestätigt: "Für die Arbeit hier muss man gut zu Fuß sein. Jeder Mitarbeiter betreut im Tiefspeicher eine 'Station', die rund 60 Meter lang ist. Ich hebe täglich zwischen 200 und 300 Bücher aus und bringe etwa genauso viele Bücher zurück an ihren Platz. Dabei lege ich täglich etwa acht bis zwölf Kilometer zurück."

Die Bücher sind aus Platzgründen nach Formaten, die mit Buchstaben bezeichnet werden und nach laufenden Nummern, in der Fachsprache Numerus Currens genannt, sortiert. Hin und wieder passiert es, dass ein Buch verschwindet, weil es bei der Rückgabe falsch eingeordnet wurde. Köhrl: "Da wir es den ganzen Tag mit Zahlen zu tun haben, muss man sich ziemlich konzentrieren. Wenn Bücher nicht richtig stehen, handelt es sich meist um logische Verstellung, etwa einen Zahlendreher bei der Signatur." Für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird der Tiefspeicher schnell zum Irrgarten. Köhrl: "Am Anfang ist die Orientierung bei vier Ebenen und Tausenden Metern Regalen schon etwas verwirrend. Aber man arbeitet sich schnell ein."

Kein Staubwedel nötig

Inergen-Löschanlage

Die Bücher brauchen keine besondere Pflege. Die Lagerung in der Tiefe und die konstante Raumtemperatur von 18 bis 20 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 45 bis 50 Prozent sorgen für optimale Bedingungen. Abstauben ist nicht nötig, nur leere Regale werden hin und wieder abgesaugt. Köhrl: "Da wir eine Präsenzbibliothek sind und in den Lesesälen das Essen und Trinken verboten sind, werden die Bücher nicht verunreinigt. Nur ein bis zwei Mal im Jahr muss ich melden, dass ein Buch, etwa mit Fettflecken, verschmutzt zurückgekommen ist."

Die hier gelagerten Bücher sind nicht so alt und wertvoll, deshalb müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine Handschuhe tragen. Köhrl erklärt: "Ein sorgsamer Umgang ist selbstverständlich. Wir können die Bücher aber einfach aus dem Regal nehmen. Bei älteren Exemplaren muss der Buchrücken geschont werden. Ein Buch entnimmt man, indem die danebenstehenden Bücher nach hinten geschoben werden." Sicherheit wird im Bücherspeicher großgeschrieben. In Erinnerung ist der Brand in der Hofburg vor 23 Jahren. Damals war die Nationalbibliothek zwar nicht betroffen, Tausende Bücher mussten aber in Sicherheit gebracht werden. Da Wasser und Schaum große Schäden verursachen können, befindet sich im Tiefspeicher als Brandschutz an jeder Station eine Inergen-Löschanlage. Im Ernstfall wird mit dem Gasgemisch gelöscht.

WienerInnen sind fleißige LeserInnen

Bücherberge

Das Angebot der größten wissenschaftlichen Bibliothek des Landes wird eifrig genutzt. 2014 besuchten rund 230.000 Leserinnen und Leser einen der insgesamt 19 Lesesäle der Bibliothek. Es gab 9.215.662 Millionen Recherchen in den Online-Katalogen der Bibliothek, 460.315 Medien wurden für die Besucherinnen und Besucher ausgehoben und bereitgestellt. Als modernes Service- und Dienstleistungszentrum bietet die Bibliothek 102 Millionen Seiten im Digitalen Lesesaal. Nach wie vor gilt, was schon Kaiser Karl VI., der Erbauer des Prunksaals, in der Benützungsordnung der vormaligen Hofbibliothek verkündete: "Der Benutzer soll reicher von dannen gehen und öfter wiederkehren." Wer in die Tiefe des Wissens eintauchen möchte, kann im Rahmen einer Führung den Tiefspeicher der Nationalbibliothek besuchen.

Österreichische Nationalbibliothek
Heldenplatz, Mitteltor
1010 Wien
Öffis: Straßenbahnlinien 1, 2, 71, D

Den Bücherspeicher kann man im Rahmen einer Führung durch die Moderne Bibliothek besuchen. Der Führungstermin muss über die Kulturvermittlung der Österreichischen Nationalbibliothek vereinbart werden.

  • Dauer: 45 Minuten
  • Kosten: für Erwachsenengruppen, ab 10 Personen 3 Euro pro Person, inklusive Eintritt 
  • Telefon: 01 534 10-464 oder per 
  • E-Mail: kulturvermittlung@onb.ac.at

Download "ÖNB: Tiefspeicher"-Video: MP4 WebM